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Am Polarkreis tanzt das Nordlicht

Bericht über eine Reise nach Island vom 10. bis 17. Oktober 2023

Dr. Gerold Holtkamp, 19.10.2023



Der Bericht beschreibt, was beachtet werden musste, damit erfolgreiche Sichtungen des Polarlichts möglich werden konnten. Daneben werden aber auch die nicht beeinflussbaren Faktoren wie das Wetter und das Weltraumwetter genannt. Es werden Aufnahmen und Videos des Polarlichts gezeigt. Zusätzlich werden zahlreiche Quellen zur genaueren Information aufgeführt.


Will man das Nordlicht – auch Polarlicht oder Aurora Borealis genannt – sehen, muss man, wie der Name schon andeutet, in die Nähe des Polarkreises reisen. Hier bieten sich verschiedene Länder als Ziele an. Bei meiner allerersten Reise zum Nordlicht Anfang 2013, die ich alleine unternommen hatte, war Tromsoe in Norwegen mein Ziel gewesen, das sogar nördlich des Polarkreises liegt. Ich hatte erfolgreiche Sichtungen trotz all des Schnees, der dort mindestens einmal jeden Tag und jede Nacht in großen Mengen vom Himmel fiel. Bei meiner diesjährigen Reise – diesmal mit einem alten Studienfreund – war Island das Ziel. Island ist natürlich nicht nur als Beobachtungsplatz für Nordlicht top, es hat auch eine Menge beeindruckender unberührter wilder Natur zu bieten. Dieser Bericht fokussiert nun aber auf das Sehenswerte am Himmel über Island. Die Naturschönheiten bleiben anderen Berichten vorbehalten.


Auf dem Weg nach Skagaströnd im Norden Islands

Auf dem Weg

Nach meiner Einschätzung ist die Reise nach Island einfacher als in die skandinavischen Länder. Die Insel ist von Deutschland per Flug gut mit einem ca. dreistündigen Flug zu erreichen. Startflughafen war Hamburg. Der Reisetermin lag nahe genug an der Tag- und Nachtgleiche. Um diese Zeit ist die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Nordlicht statistisch aus noch nicht vollständig geklärten Gründen am höchsten. Außerdem hatten wir den Reisetermin auf die Zeit um Neumond gelegt. Der Mond hätte bei der Beobachtung von Nordlicht stark gestört. Nach der Ankunft auf dem internationalen Flughafen von Island bei Keflavik sind wir mit dem Mietwagen (den braucht man dort) nach Norden in das kleine Dorf Skagaströnd gefahren. Wir hatten gehofft, das dort das Wetter besser bzw. die Wolkenbedeckung geringer wäre als in der Umgebung von Reykjavik, wo der Einfluss des Golfstroms viel stärker ist als im Norden. Der Golfstrom bedingt mit seinem warmen Wasser eine höhere Temperatur und auch Luftfeuchtigkeit insbesondere auf der Westseite Island als es so nah am Polarkreis zu erwarten wäre.


Aber wer kennt nicht den Spruch „Zum Unglück kam auch noch Pech dazu“. Man kann ihn sehr gut auf diese Reise anwenden. Allerdings genauso gut würde passen „Ein Zusammentreffen von Glück und Fügung“. Warum beides möglich war, wird im Folgenden klar werden.


Auf der Suche

Im Vergleich zu meiner ersten Reise zum Nordlicht hatten wir diesmal viel bessere Informationsmöglichkeiten, um uns über das mögliche Auftreten von Nordlichtern zu informieren und die Wetter- und Straßenverhältnisse abzuschätzen [1][2][3]. Also haben wir jeden Tag vor allem die lang-, mittel- und kurzfristigen Vorhersagen sowohl des Wetters auf Island als auch des Weltraumwetters studiert. Es half nichts. Bis zum 13. 10. vergingen drei Nächte unter einer undurchdringlichen Wolkendecke. Unser einziger Trost war, dass auch der Sonnenwind, der die entscheidende Ursache für Polarlicht ist, viel zu schwach war, um nennenswerte Leuchterscheinungen hervorzurufen [4][5][6]. Bei klarem Himmel hätten wir also auch nichts gesehen. Ein schwacher Trost ….


Dann aber am frühen Morgen des 13. Oktobers – allerdings begann schon die Dämmerung – hatten wir Glück. Es gab Wolkenlücken und etwas Nordlicht. Das kommende Tageslicht gewann aber schnell die Oberhand über die schwachen Leuchterscheinungen am Himmel und es war vorbei. Aber immerhin, es war eine Nordlichtsichtung.


Ganz ohne Wolken war der Himmel nicht.
2013-10-13, 6:41 UTC, Canon 6D, 50mm, 4s, ISO1600, f1.4


Noch gewann das Nordlicht gegen die Dämmerung.
2023-10-13, 6:44 UTC, Canon 6D, 50mm, 4s, ISO1600, f1.4


Der Tanz des Polarlichts

Den gesamten Tag über herrschte dann eine Art „Aprilwetter“. Kurze Schneeschauer (es wurde zusehends kälter) wechselten sich mit strahlender Sonne ab.


In der weiten Einsamkeit waren wir etwas Besonderes für diese Islandpferde.


Gegen Abend stabilisierte sich am Himmel über Skagaströnd ein halbwegs klarer Streifen mit wenig Wolken, so dass wir nach Sonnenuntergang mit kommender Dunkelheit unsere Fotoausrüstung aufbauten.


Screenshot der Seite von Meteoblue


Das gespannte Warten begann. Was kam war ein Schneeschauer, der uns zunächst wieder in die Unterkunft trieb. Dann allerdings blieb es klar. Am Himmel zeigte sich ein schmaler ganz schwach leuchtender Streifen des Nordlichts kaum heller als die Milchstraße. Ziemlich ungestört spannte sich sein Bogen von Ost nach West.


Gegen 23 Uhr passierte es dann: Der Streifen wurde heller, viel heller als die Milchstraße, wurde strukturierter, kam in Bewegung und bildete die typischen Nordlichtformen aus, die an bewegte Gardinen erinnern. Weitere Lichter tauchten auf, wurden heller, bewegten sich. Darauf hatten wir hingearbeitet. So geht Erleben!


Mit einem lichtstarken Objektiv war etwas grünes Leuchten am Himmel zu finden. Mit dem bloßen Auge war es kaum zu erkennen.
2013-10-13, 21:45 UTC, Canon 6D, 50mm, 5s, ISO1600, f1.4


Der Nordlichtbogen beginnt Details auszubilden. Es erscheinen unterschiedliche Farben.
2013-10-13, 22:31 UTC, Canon 6D, 14mm, 25s, ISO1600, f2.8, Ausschnitt


Wie eine Gardine im Wind bewegt sich das Nordlicht über uns.
2023-10-13, 23:14 UTC, Panasonic DMC-FZ1000, 90mm, 20s, f2.8
Aufnahme: Dr. Michael Felsmann


Hinter dem Horizont wird der leuchtende Bogen weitergehen.
2023-10-13, 23:18 UTC, Canon 6D, 14mm, 30s, ISO1600, f2.8


Aus vielen Einzelaufnahmen erstelltes Video in Zeitraffer. Ein Fischerboot mit extrem hellem Scheinwerfer zerschnitt so spät in der Nacht die Dunkelheit des Nordmeers.
2023-10-13, gegen 22:30 UTC, Canon 6D, 14mm, 25s, ISO1600, f2.8, Ausschnitt


Dieser Zeitraffer gibt einen Eindruck von der Dynamik des Polarlichts.
2023-10-13, gegen 23:00 UTC, Canon 6D, 50mm 2.5s f1.4 Blick NO 6fps


Erst spät gegen 1 Uhr wurde das Nordlicht schwächer. Außerdem gewannen die Wolken wieder die Oberhand. Zufrieden zogen wir uns aus der mittlerweile -8° C kalten Nacht in unsere Unterkunft zurück.


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[1] Im Internet gibt es verschiedene Seiten, die einen bei der „Jagd“ auf das Nordlicht unterstützen. Für das Weltraumwetter:

  • Für eine mittelfristige(2-3 Tage) Vorhersage eignet sich gut die sog. Notification Timeline  https://www.swpc.noaa.gov/products/notifications-timeline . Hier werden Voraussagen des sog. Kp-Index mit einem grünen Balken angezeigt. Die tatsächlichen Beobachtungen werden mit gelben Balken markiert. Es wird außerdem die Historie der letzten 7 Tage angezeigt.
  • Eine weitere Seite mit Voraussagen ist http://auroraforecast.gi.alaska.edu/?area=Europe&date=20180305 , die nach meiner Erfahrung in der Regel etwas zu optimistisch ist.
  • Für eine kurzzeitige (ca. 1 Stunde) Vorhersage gibt es  https://www.spaceweather.com/ . Hier kann man gewissermaßen ein Finetuning der anderen Vorhersagen machen.
  • Um die aktuelle Situation am Himmel einzuschätzen, schaut man am besten nach oben und erfreut sich am hoffentlich hellen Nordlicht. Nur leider hindert einen sehr oft eine dichte Wolkendecke daran. Damit man trotzdem weiß, was weiter oben geschieht und ob es sich lohnt noch auszuhalten, um auf Wolkenlücken zu warten, sind die Magnetfeldmessungen von http://flux.phys.uit.no/Last24/ sehr hilfreich. Störungen des Erdmagnetfeldes durch den auftreffenden Sonnenwind sind direkt mit den Nordlichtern verbunden und damit ein gutes Maß für die Registrierung der Leuchterscheinungen.


[2] Neben dem Weltraumwetter mit seinem Sonnenwind und Sonnensturm ist natürlich auch das Wetter am Beobachtungsort selbst – oder bei der Suche nach einem geeigneten solchen – eine sehr bestimmende Größe. Für eine Voraussage der Bewölkung bzw. des Niederschlags seien genannt:


[3] Im Winterhalbjahr ist es empfehlenswert, gute Informationen über den Straßenzustand zu haben. So sollte man eine völlig zugeschneite Passstraße nicht gerade am frühen Morgen passieren wollen. Hier ist sehr hilfreich: https://vegasja.vegagerdin.is/eng/
An sehr vielen Stellen der wichtigsten Straßen sind Webcams angebracht, die einem einen guten Eindruck vom aktuellen Straßenzustand geben. Außerdem wird bei vielen auch die Luft- und die Straßentemperatur und die Windgeschwindigkeit angezeigt.


[4] Eine allgemeine Einführung in die Physik der Polarlichter gibt z.B. die Internetseite Sonnen-Sturm.Info. Hier geht es auch um die Vorhersage des Auftretens von Polarlicht insbesondere in Deutschland.


[5] Wer sich ausführlich mit der Physik des Polarlichts beschäftigen möchte, sollte hier hineinschauen: Physics oft he Upper Polar Atmosphere, Asgeir Brekke, Second Edition 2013, Springer, ISBN 978-3-642-27400-8


[6] Weitere detaillierte und z.T. sehr aktuelle Informationen zum gesamten Bereich der Wechselwirkung der Sonne mit dem interplanetaren Raum, wozu auch die Entstehung der Polarlichter gehört, findet man in den Vorträgen der sog. Sommerschulen des Heliophysics Projekts der UCAR (University Corporation for Atmospheric Research) und der NASA: https://heliophysics.ucar.edu/resources-by-year