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Bau einer Binomontierung


Dr. Achim Tegeler,  Mai 2023 


Bau einer Parallelogramm Montierung für Astroferngläser 

Wer so wie ich mit einigen Dioptrien vor den Augen durchs Leben geht, freut sich über jedes ankommende Photon und jede sinnvolle Vergrößerung, die den Augen das Erblicken von astronomischen Objekten erleichtern. Wie schön ist es doch, den Mond, Planeten oder auch Sternhaufen und Doppelsterne einfach mal mit dem Fernglas zu beobachten – womöglich sogar entspannt im Liegestuhl – wäre da nicht die Problematik der Armermüdung und des zittrigen Bildes bei schweren Ferngläsern. Ab 10-facher Vergrößerung macht es freihändig mit Ferngläsern ohne Bildstabilisierung keinen Spaß mehr – und mein Astrofernglas vergrößert 25-fach und wiegt 4,5 kg. Fotostative sind da i.d.R. auch überfordert. Schon lange schwebte mir ein Projekt vor, eine Montierung für Astroferngläser zu bauen – idealerweise eine Parallelogramm-Montierung nach dem Vorbild der 10Micron Leonardo BM-100, die es für ca. 3500,– EUR natürlich auch zu kaufen gibt.


Also ging es nach Planung, Freihandzeichnung beim Gläschen Rotwein und grober Abschätzung der Größe und des dementsprechenden Materialbedarfs an die Materialbeschaffung. Aluminium sollte es werden, um stabil und dauerhaft zu sein und gewichtsmäßig noch im handhabbaren Rahmen zu bleiben. Als Stativ sollte das vorhandene Skywatcher EQ5 Stahlstativ dienen – inklusive der Gegengewichte der EQ5.



Zunächst wurde der Basisblock erstellt; alle Oberflächen wurden gefräst und die Kanten mit einer Fase versehen.



Dann wurden die beiden ineinandergreifenden Basisplatten gedreht, auf denen der Block verschraubt werden soll und die die drehbare Verbindung zum Stativ sicherstellen sollen.



Um ein unbeabsichtigtes Verdrehen während der Beobachtung verhindern zu können, wurde eine Sperrschraube aus Messing erstellt und in die obere Basisplatte gesetzt. Diese Schraube klemmt dann die obere an die untere Basisplatte. Zwischen den beiden Platten wird eine selbstgefertigte Scheibe aus PTFE Folie gelegt, die die Gleitreibung minimieren soll – immerhin lastet hier bei Benutzung das Gesamtgewicht von ca 40 kg und erzeugt Reibung.



Von unten musste in der Basisplatte natürlich die Aussparung für den am EQ5 Stativ fest stehenden „Norddorn“ gebohrt werden und eine Klemmschraube zur Verdrehsicherung realisiert werden.

Die übliche, von unten kommende Klemmschraube der EQ5 Montierung ist für diesen Aufbau zu kurz und konnte nicht verwendet werden, daher wurde eine neue lange Klemmschraube in Edelstahl gedreht. Diese wird von unten durch die beiden Basisplatten in den Block geschraubt.




Die Ausleger sollen ein Beobachten im Stehen ermöglichen und mussten deshalb lang und entsprechend stabil werden. An Drehpunkten sollte es runde Abschlüsse geben – ja, Feilen gehörte auch dazu!



Da bei dem langen Hebel mit schwerem Fernglas erhebliche Kräfte wirken, musste die Halterung für die Gegengewichte entsprechend üppig ausfallen. Dementsprechend wurde hier ein Aluminiumblock gefräst, der eine Edelstahlstange zum Aufschieben der Gewichte aufnehmen soll. Die Edelstahlstange wurde über ein M16 Gewinde in den Block verschraubt. Um besseren „Grip“ zu haben, wurden dazu für SW 17 passende Flachkanten eingefräst. Der Block wurde über 12 Edelstahlschrauben mit den längeren, oberen Auslegern verschraubt.



Alle Achsen wurden aus 12mm Edelstahl gefertigt und mit Handradmuttern befestigt. Falls sich die Handräder im Betrieb nicht als sinnvoll erweisen, werden sie durch selbstsichernde Muttern ersetzt.


Erste Probemontage der Ausleger


Das Tolle an Parallelogramm-Montierungen ist, dass das einmal ins Blickfeld gesetzte Objekt am Himmel durch die raumstabile Position der Front-/Trägerplatte im Blickfeld bleibt, auch wenn die Einblickhöhe für andere Beobachter angepasst wird. Diese raumstabile Position wird durch die Parallelverschiebung der Trägerplatte ermöglicht.

Gleichzeitig soll das montierte Fernglas aber natürlich zur Anpassung des Höhenwinkels des Objekts auch vertikal kippbar sein und zur leichteren Auffindung von Objekten einige Grad horizontal drehbar sein. An der Frontplatte mussten also zwei Drehachsen für die beiden Dimensionen eingeplant werden. Die gleitende Reibung wurde in allen Lagern in Ermangelung einer günstigen Teflonquelle mit PVC-Scheiben realisiert – wie lange die durchhalten, wird sich zeigen.



Die Horizontaldrehung sollte über die Gleitlagerung der Fernglashalterung erfolgen.

Seltsamerweise sehen immer noch fast alle Hersteller auch schwerer Optiken zur Halterung der Geräte ein ¼ Zoll oder bestenfalls ein 3/8 Zoll Fotogewinde vor (oft in relativ weichem Aluminium). Für schwere Optiken ist es aus meiner Sicht geradezu waghalsig, sich auf diese „Spirrelschräubchen“ zu verlassen, vor allem, wenn man die Optik wie in meinem Fall an der Halterung auch senkrecht stellen will. Daher musste ich das entsprechend ändern und eine stabilere Haltesäule mit einem „anständigen“ Gewinde herstellen. Die neue Säule wurde gedreht, gefräst und mit einem M12 Gewinde versehen.



Montiert sieht das Ganze dann so aus – ja, es braucht schon 15 kg Gegengewicht:



Der erste harte Einsatz war dann die On The Moon Again Aktion 2023 – hier bewährte sich die Montierung bereits sehr gut! Vielleicht motiviert dieser kleine Bericht ja den ein oder anderen, ein ähnliches Projekt in Angriff zu nehmen – entspanntes Beobachten in jeder Position und zitterfreies Bild machen einfach Spaß – und das Planen und Bauen ebenfalls!